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»Ich kämpfe nicht.«

»Ich kämpfe nicht.«

»Nein, nein.« Dr. Harald Kämper schüttelt entschieden den Kopf. »Ich esse nicht zwischendurch. Ich esse in der Mittagspause und zwar nach dem chinesischen Prinzip: Iss, wenn Du Hunger hast, das worauf Du Appetit hast, solange bis Du satt bist. Das gönne ich mir in der Mittagspause. Die Arbeit hält sich für mich im Rahmen. Kurz nach sechs morgens bin ich in der Praxis und komme für gewöhnlich abends um halb sieben, sieben nach Haus.«

Dr. med. Harald Kämper ist Facharzt für Allgemeinmedizin. Sein Vater und Großvater hatten bereits einen Bezug zur Naturheilkunde, er wuchs mit sechs Geschwistern in Oberfranken auf. Dann studierte er Medizin. »Ich hatte das große Glück, dass ich das machen konnte. Dafür bin ich sehr dankbar«, erzählt Kämper in seiner Naturheilpraxis in Dorsten. »Der Nutzen der Schulmedizin hat einen hohen Stellenwert in meiner Familie. Das nimmt sicherlich auch einen großen Platz in meinen Denkmustern ein, aber wenn ich heute vor der Wahl stünde, auf Schulmedizin oder Naturheilkunde verzichten zu müssen, dann würde ich tatsächlich eher auf die Schulmedizin verzichten.«

»Schulmedizin, Naturheilkunde, Homöopathie. Ich möchte die Grenzen gar nicht so scharf ziehen.«

 

Bis heute stand Kämper wohl noch nicht vor dieser Wahl, denn er arbeitet sehr erfolgreich sowohl mit schulmedizinischen als auch mit naturheilkundlichen und homöopathischen Methoden: »Sitzt bei mir ein neuer Patient mit akuter Erkrankung, dann steht die Schulmedizin erstmal ganz und gar im Vordergrund. Erst wenn schulmedizinisch alles abgeklärt ist, erfolgt bei mir eine naturheilkundliche Betrachtung der Erkrankung auf den verschiedenen Ebenen. Die meisten meiner Patienten sind allerdings schon durchuntersucht, wenn sie mit ihren chronifizierten Erkrankungen zu mir kommen.« Die einzelnen Fachbereiche haben dann aber oft eben nur ihren Fachbereich betrachtet. Sie haben keinen Blick für den ganzen Patienten und schicken ihn weiter, weil die Beschwerden in ihrer Disziplin nicht in Gänze messbar, in ihrer Komplexität nicht greifbar sind. Kämper wiegt einen Moment lang das Gesagte ab und führt dann weiter aus: »Diese Patienten können nach den Regeln der Schulmedizin nicht standardisiert, also Leitlinien-gerecht behandelt werden. Ich schaue dann in meiner Betrachtung neben der physiologischen und anatomischen Ebene unter anderem auf die mentale Ebene, auch die emotionale Ebene. Emotionale Bewegungen werden in der Chinesischen Medizin als eine der Hauptursachen für chronische Krankheiten gesehen. Da gibt es seit zweitausend Jahren positive Erfahrungen und Erfolge. Komplementärmedizin basiert auf Erfahrung und legitimiert sich durch ihre Erfolge. Ich fokussiere mich inzwischen auf Homöopathie und Traditionelle Chinesische Medizin.«

»Homöopathie ist zeitintensiv. Wir machen es wegen des therapeutischen Erfolgs.«

 

Es ist Kämper wichtig, die Gemeinsamkeiten, aber auch die Unterschiede und die Potenziale der Komplementärmedizin als wertvoller Partnerin der schulmedizinischen Versorgung genau und auch bildlich herauszuarbeiten. »Nehmen Sie zwanzig Patienten mit einer Nebenhöhlenentzündung. Die Schulmedizin fokussiert sich auf die Nebenhöhle und möchte alle zwanzig Patienten standardisiert, also auf die gleiche Weise therapieren. Das ist in der Naturheilkunde nicht die Vorgehensweise. Da werden allenfalls zwei davon gleich behandelt, die anderen achtzehn alle komplett unterschiedlich. Diese individuelle und ganzheitliche Betrachtungsweise des einzelnen Patienten lässt sich nicht standardisieren, das heißt: Es ist nicht möglich, unsere naturheilkundlichen oder homöopathischen Therapien nach den Kriterien der Schulmedizin zu objektivieren.« Kämper lächelt entspannt und führt fort: »Aber die Gesamtschau auf die Körperfunktion und Querverbindungen zum Immunsystem, die wird in der ganzheitlichen naturheilkundlichen Medizin viel stärker berücksichtigt als in der Schulmedizin. Jeder Patient ist ein Individuum. Es ist wenig sinnvoll, alle gleich zu behandeln.«

»Die Patienten sind ja nicht dumm.«

 

»Eine sich scheinbar gleich darstellende lokale Erkrankung kann auch tatsächlich viele verschiedene Ursachen und Co-Faktoren haben. Wenn ich das behandeln will, brauche ich Zeit für den Patienten«, erklärt Kämper einleuchtend. »Ich kann dann nicht über zehn oder mehr Patienten in einer Stunde behandeln. Dafür sitzen sie nächsten Monat nicht wieder im Wartezimmer und die Kosten für ein homöopathisches Medikament sind beispielsweise auch eher gering. Da haben wir eine Behandlung ohne Folgekosten. Ich war schon früh naturheilkundlich orientiert. Dafür brauche ich Bauchgefühl, Intuition, Erfahrung. Als Arzt muss ich meine Wahrnehmung richtig bewerten. Es gab schon immer Erfahrungswerte und wissenschaftlich bewiesene Werte. Die wissenschaftlich fundierten Erkenntnisse haben oft eine Halbwertszeit von gerade mal fünf Jahren. Jahrtausende alte Erfahrungswerte haben immer noch Bestand.  Die Traditionelle Chinesische Medizin macht seit 2000 Jahren dasselbe. So schlecht kann es mit der empirischen naturheilkundlichen Herangehensweise also nicht sein, die Patienten würden ja nicht zu uns kommen, wenn sie davon keinen spürbaren Nutzen hätten. Sie bezahlen das selbst, opfern ihre Zeit dafür. Sie wissen offensichtlich schon auch selbst ganz gut, was ihnen hilft und was nicht.«

»Erfahrung, Bewusstsein. Das weiterzugeben ist mir wichtig.«

 

Einen großen Nutzen für die Patienten sieht Dr. Harald Kämper auch in der Arbeit von gut ausgebildeten Heilpraktikern, weil diese seiner Meinung nach eine wichtige Funktion in der Versorgung der Patienten übernehmen können: »Der Heilpraktiker gehört aufgewertet. Ich wünsche mir eine bessere Kooperation von Ärzten und Heilpraktikern. So wie Ärzte mit großer Selbstverständlichkeit einen Patienten mit Rückenproblemen zum Physiotherapeuten schicken, könnten sie Patienten mit funktionellen Störungen auch zum Heilpraktiker schicken. Ich sehe den Heilpraktiker als eine Instanz, die vor allem eines hat, was Ärzte nicht haben und das ist Zeit. Der Heilpraktiker ist ein wichtiger Partner und kein Feindbild, das gemeinsame Ziel muss sein, dass der Patient gesund wird. Deshalb braucht der Heilpraktiker eine gute Ausbildung und mehr Anerkennung.«

Kämper selbst möchte zu dieser Entwicklung auch beitragen und unterrichtet an der Hufeland-Schule in Senden Heilpraktiker in Traditioneller Chinesischer Medizin. Auch in der Ärzteschaft möchte Kämper seine Erfahrungen und Erkenntnisse weitergeben und unterrichtet diese in Zusammenarbeit mit chinesischen Professoren und mit Ermächtigung der Ärztekammer Westfalen Lippe am Europäischen Institut für Traditionelle Chinesische Medizin in Münster.

 

»Ich wünsche mir mehr Kooperation, ein besseres Miteinander.«

 

Durch seine vielschichtigen Tätigkeiten und interdisziplinären Erfahrungen hat Kämper für sich eine wichtige Botschaft herausgearbeitet. Es soll miteinander gehen und nicht so viel gegeneinander. Weniger Kampf, mehr Partnerschaft: »Die Disziplinen müssen lernen, mehr voneinander zu lernen. Klar, die Schulmedizin ist die dominante Medizin, aber die kann eben auch nicht alles und wir können schon einige Lücken schließen, die die Schulmedizin aktuell noch nicht schliessen kann. Es wäre toll, wenn es gelänge, ein Zusammenwirken auf Augenhöhe zu erarbeiten, das war immer mein Wunsch: Eine Klinik mit Schulmedizin, Homöopathie und Naturheilkunde unter einem Dach und auf einem Niveau. Dem stehen einfach nur unsere Egos entgegen, das sind nur die Egos. Nicht die Ratio, nicht die Erfahrung, nur die Egos. Das wird sich hoffentlich ändern. Meine Tochter, meine Schwiegertochter, meine Söhne: Sie sind die nächste Generation von Heilpraktikern und Ärzten, die jetzt in den Startlöchern steht. Ihre Offenheit, ihre Neugierde auf integrative Heilweisen trotz oder gerade wegen ihrer soliden medizinischen Ausbildung geben mir Zuversicht auf eine integrative Medizin der Zukunft. Dabei begleite ich sie gerne ein Stück auf ihrem Weg.«

 

 

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